Hacienda Los Andes, Chile





Hacienda Los Andes
Chile

Zu Pferd in den Anden


46 km Schotterstraße verbinden das kleine Bergdorf Hurtado mit der nächsten größeren Stadt Vicuña. Zwei Andenpässe müssen auf diesem Weg überwunden werden, das Panorama auf die umliegenden Bergriesen ist phantastisch. Immer wieder tauchen kleine Lehmhütten an den Berghängen auf Vegetation wie niedrige Büsche und verschiedenste Kakteenarten genügen den hier ansässigen Ziegenhirten zur Viehhaltung. Es geht nicht mehr weiter einige Ziegenhirten treiben ihr Vieh in das Tal hinab begleitet von Mulis hochbepackt mit der Einkunftsquelle der Männer zu Pferd: Ziegenkäse, Felle.

Ein Meer von Ziegen breitet sich vor uns aus, im Schleichtempo geht es voran. Einer der Männer treibt die Ziegen auseinander, ein Weg wird für uns durch die Ziegenflut geschaffen. Etwa fünfhundert Meter weiter haben wir es geschafft, vor uns breitet sich wieder serpentinenartig der Schotterweg aus. Enge Kurven mit steilen Steigungen müssen überwunden werden, wir kommen langsam voran - aber immerhin kommen wir voran. Rechts neben uns breitet sich ein Canyon aus, steil geht der Abhang bis in das ausgetrocknete Flussbett hinab, in dem sich zahlreiche grüne Pfefferbäume angesiedelt haben. Ein Wassertank mit Schilfbewuchs lädt zum Baden ein, doch wir fahren weiter, es kann nicht mehr weit bis nach Hurtado sein, dem kleinen Bergdorf, das unser nächstes Ziel ist.

Und wirklich, einige Kilometer weiter tauchen die ersten liebevoll bunt gestrichenen Adobe-Häuser umgeben von leuchtenden Blumengärten auf, überall finden sich Kräuterbeete, Obstbäume. Ein kleiner Super-Mercado bietet Mehl, Zucker, Plätzchen und Coca Cola an; schließlich finden wir noch eine Flasche hausgemachten Wein, den wir mitnehmen. Ein Spaziergang lohnt sich: die blauweiße Adobe-Kkirche ist sehr hübsch dekoriert, eine kleine Plaza bildet das Zentrum der Stadt, uns begegnen offene freundliche Menschen.

An der kleinen Dorfschule werden unsere Englischkenntnisse geprüft, how are you, where are you from; die Kinder hier sind neugierig. In dem kleinen Restaurant kehren wir schließlich ein, und María, die Wirtin erstaunt uns wirklich: Wie ein Wirbelwind bringt sie uns innerhalb kürzester Zeit die gewünschten Getränke, kocht eine warme Suppe, die Bananenmilch könnte besser gar nicht sein! Das Lachen scheint ihr angeboren zu sein, sie strahlt uns an, fragt uns aus, wir fühlen uns pudelwohl hier. Schließlich gehen wir weiter, wir brauchen noch eine Unterkunft, am nächsten Tag geht es früh morgens los - per Pferd in die Anden.

Wir finden eine kleine freundliche Hospedaje, Orieta kümmert sich rührend um uns, Tee, Kaffee, Brot, frische Trauben aus dem eigenen Garten ebenso wie Avocados, Tomaten, Paprika. Die Zimmer sind liebevoll eingerichtet und die Dusche ist wirklich heiß. Der hausgemachte Wein schmeckt köstlich, die Betten sind weich und warm, wir freuen uns schon auf einen aufregenden nächsten Tag!

Nach einem frühen reichhaltigen Frühstück geht es weiter: drei Kilometer nach dem Dorf Hurtado erreichen wir die Hacienda Los Andes, eine renovierte Hazienda, die Touren in die Anden anbietet.

Am grünen Flussufer gelegen breitet sich hier die für die Region typische Vegetation aus: alte Algarrobo-Bäume, ansonsten kaum noch zu finden, Pfeffer-Bäume, hohe Quisco-Kakteen, sowie kleinere runde, aber uralte Schwiegermuttersessel. Alte Trauerweiden säumen das Flussufer, kleine Sandbadeplätze führen in das klare kühlende Wasser des Río Hurtado.

Clark Stede, der diesen wunderschönen Platz am Ende der Welt gefunden und aufgebaut hat, erwartet uns schon, Kaffee, hausgemachte Feigenmarmelade, Müsli es gibt alles, was das Herz begehrt. Während wir uns mit dem zweiten Frühstück stärken, kommt Fernando, der Gaucho, der auf der Hazienda arbeitet, mit unseren Pferden an. Frisch von der Weide sehen sie uns beim Frühstück im botanischen Garten zu, während sie genüsslich ihren Hafer zermalmen.

Schließlich wird gesattelt, wir packen unsere Packsäcke fertig, Clark gibt uns eine Einführung in die chilenische Reitweise. Ich probiere alles auf Intocable aus, er geht einwandfrei, obwohl ich noch nie auf einem Pferd gesessen habe, verstehen wir uns auf Anhieb. Wir reiten los, ich bin froh, dass die Sättel so bequem sind, ich werde die nächsten drei Tage im Sattel verbringen.

Intocable setzt seine Füße sicher voreinander, die ersten Meter frage ich mich noch, wie die Pferde durch diese Sandstein-Abhänge laufen sollen, doch nach kurzer Zeit schon gebe ich mich vertrauensvoll in die Obhut des Pferdes, das sich nicht ein einziges Mal vertritt und habe Zeit, die Landschaft zu genießen: Um mich herum wachsen Olivillo-Sträucher, Säulen-Kakteen, kleine Büsche, Gräser. Doch das Faszinierendste sind die Berge: wie Regenbogenfarben wechseln gelbe, grünliche, blaue bis dunkelrote Berge miteinander ab. Der Sand unter den Hufen der Pferde, mal schwarz, dann wieder gelb, rot, blau, grün, braun.

Über einen Bergrücken erreichen wir einen Aussichtspunkt, von dem aus wir in das grüne Tal zurück blicken. Ein grüner Streifen zieht sich zwischen den hohen Bergen hindurch. Vor uns liegen die hohen Anden, trotz der starken Steigungen und der schwierigen Wege schwitzen die Pferde kaum.

Wir machen eine Pause, Sandwichs, Obst und Plätzchen tun gut, und das frische Wasser ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Die Pferde fressen ein paar Halme und warten geduldig, bis wir aufbrechen. Ich staune immer wieder über Intocable, der unermüdlich läuft, über Steine, sandige Abhänge, steile Steigungen, an Canyons vorbei.

Mitten in der Halbwüste taucht plötzlich ein grüner Streifen auf, kleine Felder, eingezäunte Vieh-Pferche, ein Lehmhaus. Wir reiten zu dem Haus, Don Viktor, der hier lebende Ziegenhirte, begrüßt uns strahlend. Er lädt uns in sein Haus ein, klein, gemütlich und mit Solarzelle. Der Kassetten-Recorder ist solarbetrieben, Viktor lädt uns zu frischem Ziegenkäse ein, der einfach köstlich ist. Wir werden heute hier campen, doch vorher führt uns Viktor zu alten Indianer-Malereien.

Der Inkatrail führte ursprünglich auf unserem Reitweg entlang bis nach Argentinien. Immer noch findet man hier alte Pfeilspitzen, Mörser, Stößel und die wunderschönen Malereien der Inkas. Viktor benutzt einen der Steinmörser zum Zerstoßen von Knoblauch, Pfeffer oder Peperoni, die Pfeilspitze holt er auch noch heraus; sie wird nur noch als Dekoration verwandt. Endlich dürfen unsere Pferde ausruhen, sie laufen frei herum und suchen sich Ihr Futter auf der weiten Ebene und in den grünen von einer unterirdischen Quelle gespeisten Vegetations-Oasen.

Ich wünsche Intocable eine Gute Nacht, bevor wir uns zu Viktor gesellen, der auf seiner Harmonika Queca, die chilenische Nationalmusik spielt, eine warme Suppe löffeln wir begleitet von dem Ziegenkäse, frisch und weich, leicht salzig und unheimlich gut zu dem frischen noch warmen Brot.

Der Morgen ist kalt, doch der Sonnenaufgang ist es wert, aus dem Schlafsack zu kriechen: leuchtendrot strahlen die Anden im frühen Tageslicht, wunderbare Ausblicke eröffnen sich uns in der klaren Morgenluft. Warmen Kaffee, Brot und Ziegenkäse essen wir, während die Pferde sich neugierig um uns gesellen.

Es geht weiter, wir verabschieden uns von Don Viktor. Intocable begrüßt mich freundlich, wartet, bis ich oben bin, es geht weiter. Den Weg bin ich mittlerweile gewohnt, vor den Abhängen schrecke ich nicht mehr zurück - ich weiß, was diese Pferde können. Wir reiten über eine weite Ebene auf 2000 Metern Höhe. Niedrige Kräuter wachsen um uns herum, überall strecken kleine Blüten ihre Köpfe der Sonne entgegen.

La Laguna La Laguna heißt diese Ebene, und der Name passt perfekt: Kleine Wasserlöcher laden zum Baden ein, alle paar Kilometer taucht eine neue Quelle auf. An einer der Quellen machen wir Pause, die Pferde trinken und grasen, wir können uns nicht zurückhalten - ein Bad in dem Tümpel ist einfach wunderbar. Während die Sonne uns trocknet, stärken wir uns mit Brot, Käse, Keksen und Obst, Don Viktor hat uns noch Proviant mitgegeben. Unser Ziel sind die Maitenes, ein kleines Dorf mitten in den Bergen. Ein hoher Berg liegt vor uns, Clark meint, es sei nicht mehr weit. Diesen Berg müssen wir noch überreiten, dann sind wir schon da. Drei Stunden noch, und dennoch kommt mir der Berg zu hoch und zu steil vor. Doch Intocable belehrt mich wieder einmal eines Besseren: Er klettert hinauf wie eine Bergziege, selten legt er eine kurze Verschnaufpause ein, um dann sofort weiter zulaufen.

Dona Ana Der Bergrücken rückt immer näher und wenn ich zurücksehe breitet sich das wunderschöne Panorama der Ebene Laguna vor mir aus. Oben auf dem lomo, wie der Bergrücken hier genannt wird, sehen wir in ein weiteres Tal, eine völlig andere Landschaft liegt nun vor uns: ebenso farbenfroh wie die Laguna, doch hier sind nicht die Kräuter für die bunte Landschaft verantwortlich, sondern der Sand: blauer Sand, roter Sand, gelber Sand. Die Farben wechseln ab, auch grüne und violette Flecken sind zu sehen.

Weit unter uns können wir ein paar Häuschen erkennen - das müssen die Maitenes sein. Eine Pause legen wir ein, um die Aussicht zu genießen, dann reiten wir zu unserer Raststation. Freundlich werden wir begrüßt, Doña Ana lädt uns zu Mate ein, dem typischen Kräutertee. Wir lassen die Pferde frei, danach gesellen wir uns zu Ana und trinken den Tee, essen frisches Brot. Zum Abendessen gibt es Asado, eine Ziege, langsam neben dem Feuer gegart, wir essen das köstlich herzhafte Fleisch, eine Flasche Wein wird noch geöffnet, und bis in die Dunkelheit sitzen wir ums Lagerfeuer, hören uns die Geschichten von Ana und ihrem Mann Don Abdon an, über uns der unglaublich klare Sternenhimmel und das Kreuz des Südens.

Der letzte Tag unserer Tour bricht an, das Frühstück ist herzhaft und der Kaffee holt auch noch den letzten Schlaf aus meinem Körper heraus. Wir satteln die Pferde und verabschieden uns wieder einmal schweren Herzens von unseren Gastgebern, gerne hätte ich noch mehr Zeit mit ihnen verbracht, mehr über ihr Leben, ihre Ideen erfahren. An einem Flußcanyon entlang, mittlerweile führt er nur noch wenig Wasser, reiten wir in Richtung Hazienda. Die Vegetation hier ist wunderschön, überall wachsen Pfefferbäume, Sträucher, grünes Gras. Insekten schwirren herum und Vögel zwitschern, singen, kreischen, einige hören sich an wie kleine Hubschrauber, wenn sie zum Flug ansetzen. Kleine Teiche liegen unter uns, ausgewaschene, glatte Felsabschnitte, zwischendurch immer wieder grüne Sträucher, Bäumchen, Kräuter und Gräser.

Unsere Mittagspause findet heute an einer alten Goldmine statt, ein Steinhäuschen diente als Unterkunft, das Loch im Berg ist niedrig. Ich sehe mir die Mine genauer an, sie führt tief in den Berg hinein; meine Neugier ist nicht groß genug, hineinzukriechen, sonderlich sicher scheint sie nicht mehr zu sein.

La Laguna Wir brechen bald auf, es geht weiter am Canyon entlang. Vor uns wir sehen einen breiten grünen Streifen - das Tal des Río Hurtado ist schon wieder Nahe gerückt. Doch immer noch liegen zwei Stunden Weg vor uns, wir schlängeln uns an dem Flusslauf entlang, erklettern Hügel, während sich vor uns immer wieder der Ausblick auf das grüne Tal eröffnet. Ich genieße diese letzten Kilometer durch die Stille der Anden, genieße die Ausblicke, die wilde Natur um mich herum.

Die Hazienda liegt vor uns, die hübschen sandgelben Häuser inmitten der grünen Umgebung rücken näher. Manuela begrüßt uns schließlich, während die Pferde abgesattelt werden, erzählen wir bei Kaffee und Kuchen von unseren Erlebnissen auf der Tour. Das Jacuzzi ist schon bereit, und das warme, sprudelnde Wasser tut meinen Muskeln, die ich mittlerweile recht deutlich spüre, unendlich gut. Durch die großen Fenster sehe ich zum Fluss hinunter. Intocable steht in der Strömung und wird abgeduscht, dann darf er sich auf seiner Weide von unserem wunderbaren Ritt erholen.

Die Hacienda Los Andes befindet sich in der IV. Region Chiles, nahe La Serena und Vicuña. Reittouren, ein-, zwei-, drei- und zehntägig, werden sowohl für gute Reiter als auch für Anfänger angeboten. Alle Touren finden mit deutsch-, englischsprachigem Guide statt.

Autor: Margit Franzen

e-Mail: margit.franzen@gmx.net






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