Marina & Felix auf der Schively Ranch, Montana



Leben wie ein Cowboy

von Marina Urban und Felix Steinert

Der Wind treibt dichte Wolken feinen roten Staubes in die Gesichter, den hunderte von Rindern vor und neben uns aufwirbeln. Aufmerksam beobachtet Steve, der Chef-Cowboy, die Tiere. Im scharfen Galopp werden immer wieder Lücken in Zäunen, ausgetrockneten Flußläufen blockiert, Kühe zurück getrieben. Eine willkommene Abwechslung im ansonsten monotonen Einerlei des Viehtriebs.

Wir, fünf Cowboys und fünf City Slickers, haben das Gefühl für die Zeit verloren. Wie lange treiben wir schon die Herde vor uns her? Hunger, Durst und die arg strapazierten Kniegelenke geben eine eindeutige Antwort: ewig. Sechs bis sieben Stunden reiten wir täglich, um 300 Rinder von den Winterweiden Nord-Wyomings zu den Sommerweiden Süd-Montanas zu treiben. In nur sechs Tagen legen wir 80 bis 90 km zurück. Im Herbst geht der Trail in umgekehrter Richtung.

Übernachtet wird in Tipis, die aus zwei Baumstämmen ihren ganzen Halt beziehen. Mißtrauisch klettern wir abends in unsere selbst aufgestellten Zelte. Gut ausgeschlafen geht es am nächsten Tag mit der Herde weiter.

Wir passieren einen alten Indianerpfad und lassen uns von der atemberaubenden Landschaft einfangen. Am National Wild Horse Range begegnen uns sogar wilde Mustangs. Mit jedem Tag mehr entfernen wir uns weiter von der Zivilisation, gleicht unser Outfit dem von gehetzten Outlaws. Das Wetter im April ist launisch, mal regnet es den ganzen Tag, mal scheint die Sonne und manche Tage sind windig und eisig kalt. Zunehmende Unruhe unserer Pferde am sechsten Tag kündet vom Nahen des Ziels, der Schively Ranch. Inmitten eines Stroms dunkler Leiber stehen wir unvermittelt auf der letzten Anhöhe. Schively liegt im Glanz der Mittagssonne vor uns.

Langsam trottet die Herde den Hang hinab und steuert direkt auf die Schively-Ranch zu, hinein ins Gatter. Dort finden sie vorübergehend Ruhe. Mütter, deren Kälber beim langen Trail von ihnen getrennt worden sind, suchen laut rufend ihre Jungen. Erschöpfte Kälber, die das Gatter erreicht haben legen sich sofort auf den braunen ausgedörrten Boden und erwarten, dass ihre Mütter sie finden. Nach einer Stunde haben alle sich gefunden, außer eine Kuh, die immer noch ihr Kalb sucht.

Steve schaut besorgt zu ihr rüber. Gern hätte er sich auch mit uns ausgeruht. Für ihn aber heißt es : Zurückreiten und das Kalb finden, sonst muß es sterben. Er fragt uns, ob wir Lust und Kraft genug hätten, ihn zu begleiten und erklärt uns, daß das Kalb erst an diesem letzten Tag verschwand. Cowboys haben eben einen geübten Blick für die Herde. Er erzählt uns, das die Kälber immer zum letzten Nachtlager zurückkehren, wenn sie von der Herde getrennt werden. Genau zu diesem Punkt läuft auch das Muttertier. Nichts kann sie davon abhalten.

Wir ritten ungefähr zwei Stunden suchend in der Landschaft herum, bis die Dämmerung eintrat und die Kälte uns unter die Kleider kroch. Ein Cowboy ist mit dem Pick up zum letzten Lager gefahren. Diese Strecke konnte man den erschöpften Pferden nicht noch einmal zumuten. Leider ist unserer gemeinsame Suche ohne Erfolg. Steve war sehr traurig. Wir nahmen an, dass er viel Ärger bekommen würde und stellten keine weiteren Fragen.

Völlig verklebt und eingestaubt wieder angekommen griffen wir unser Waschzeug und sprangen unter die Dusche. Welch eine Wohltat. Dann ertönte eine Glocke, was zum Abendessen versammeln hieß. Wir beeilten uns, denn wir wussten, dass alle erst essen dürfen, wenn alle zusammen das Gebet gesprochen hatten. So war es auch auf dem Cattle-Drive, jeden Abend und jeden Morgen. Das Gebet spricht jeden Tag ein anderer. Nur knapp schrammten wir an der Nagelprobe auf unsere Englischkenntnisse vorbei. Nach dem Essen gingen wir zu Bett und fielen sofort in einen Dornröschenschlaf.

Während wir in tiefsten Träumen die Prärie durchstreifen, bespricht Steve noch die Aufgaben des nächsten Tages. Dazu gehört das Impfen und Zählen der Rinder, leider aber auch unser Abschied von der Ranch. Am Vormittag haben wir noch Glück und können noch einmal an der Rancharbeit teilnehmen, beim Impfen und Zählen helfen. Dann aber heißt es, Koffer packen. Am späten Nachmittag bringt Steve uns zurück nach Billings, einer kleinen verträumten Stadt im Süden Montanas, wo das Abenteuer vor sieben Tagen seinen Anfang genommen hatte. Wir verabschiedeten uns etwas wehmütig von ihm und wollen noch wissen, ob er nun Freizeit hat, worauf er uns antwortet: "A Cowboy`s work is never done.!"

Cattle Drives finden regelmäßig im Frühjahr und im Herbst statt und sind imTempo eher ruhig, denn das gemästete Vieh soll nicht unnötig an Gewicht verlieren. Auch Reiter mit weniger Reiterfahrung, aber etwas Kondition, können durchaus an solch einem Trail teilnehmen. Allerdings sind Viehtriebe nicht ganz billig. Eine Woche mit Vollpension ohne Anreise kostet 1.345,00 Euro. 10 Prozent Trinkgeld wird außerdem erwünscht.





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