Wolfgang auf der Dryhead Ranch, Montana

Es war 3 Uhr nachmittags, vor uns die Sonne über der Prärie, soweit das Auge reicht Canyons, Berge und Prärie. Und unmittelbar vor uns ging es bergab, verdammt weit bergab und ich wusste schon nicht mehr, welche von meinen beiden Hinterbacken ich nehmen sollte. Es tat einfach alles höllisch weh, vom Nacken bis zu den Fersen...

Einer der Gäste, er kommt schon jahrelang auf die Dryhead Ranch und ist ein Freund von Joe, zeigte mir den richtigen Sitz, falls nichts mehr geht. Ich stellte mich voll in die Steigbügel und die Fußspitzen total nach außen. Die Sonne merkte man kaum, weil immer ein bisschen Wind ging. Jetzt wusste ich auch, warum die Cowboys die Hemdärmel nicht aufstülpten, ich war schon echt rot auf den Händen und Armen, gottseidank hatte ich eine gute Sonnecreme mit.

Kyle, ein Gast aus den Staaten und von Beruf bei den Marines, fragte nur kurz "Jack, where is The Ranch?"... "There ..." war die kurze Antwort von unserem Main Cowboy Jack, aber ich sah weit und breit keine Ranch. Es war der zweite Tag hier und ich konnte echt nicht mehr.

J.D., mein weißer Freund mit schwarzem Fleck oberhalb der Nüstern, war echt in Ordnung. Er wusste den Weg und hatte eine immense Trittsicherheit. Im Übrigen waren alle Pferde wirklich gut geritten, nicht einmal gab's eine Unsicherheit während meines Aufenthaltes.

J.D. ging gemächlich den Berg hinunter und dann die endlos lange Hochebene entlang. Die anderen Gäste rutschen auch von einer Seite auf die Andere. Es war auch ihnen offensichtlich echt zuviel. Am ersten Tag gleich ein Ritt von 5 bis 6 Stunden und heute dasselbe noch mal...


Mittag hatten wir eine Rast, ca. zwei Stunden von der Ranch weg, in einem Tal, wo meistens die Kühe waren, dann rund um einen Berg und wieder retour. Hört sich toll an, ist es auch, nur das Land ist so was von riesig, unglaublich.

Es war wohl 18 Uhr als wir endlich auf der Ranch ankamen. Ich konnte kaum absteigen, die Beine hielten mich mehr schlecht als recht aufrecht. Vor lauter ko vergaß ich fast, J.D. von seinem Sattel zu befreien und hätte ihn schon fast mit dem schweren Lederding auf seine wohlverdiente Pause geschickt.

Also runter mit dem Ding und dann ging jeder mit seinem Pferd zum Bach, der sich so malerisch mitten durch die Ranch schlängelt. Pferde tränken und dann noch ein paar Meter weiter zum Tor und ab ging's für J.D. auf die Weide hinter den Ranch-Gebäuden.


Ich wusste nicht mehr wie ich mich bewegen sollte zu Fuß, Kyle, der auch mit mir das Zimmer teilte, gab mir am Abend einen "Pain Killer" von der US-Army. Mir war es echt egal was ich da schluckte, Hauptsache ich spürte nichts mehr. Kyle erzählte mir, die meisten der anderen Gäste haben auch schon so eine Pille geschluckt.

Ich beschloss am Abend, am nächsten Tag (3. Tag) eine Pause einzulegen und zu Fuß die Gegend zu erkundschaften.

Am Abend versprach uns Jack, am nächsten Tag machen wir einen kurzen Ausritt mit mittags heimkommen und einer langen Pause. In meinen Gedanken war nur die Überlegung: "Man, wie soll das jetzt 14 Tage so weitergehen."

Die Ranch ist so was von abgelegen, dass ich nicht mal am Abend auf ein kühles Bier gehen kann. Es gab auch kein Abend "Hampelmann-Programm", was mir nicht ausmachte, weil die Gäste in der ersten Woche sowieso toll waren und wir uns immer gemütlich auf der Terrasse unter hunderten Fledermäusen zusammen setzten und Geschichten erzählten. Aber nichts desto trotz, wie soll ich hier 14 Tage überleben, mit den Schmerzen schon am zweiten Tag? War es ein Fehler?

Am nächsten Morgen ein schlimmes Erwachen. Ich schleppte mich zum Frühstücksraum, Jack merkte, dass so ziemlich alle fertig waren und so ritten nur wenige am Vormittag mit ihm. Ich musste mich unbedingt bewegen, langsam und zu Fuß, dann wird es schon besser werden. Also ging ich ca. eine halbe Stunde bergauf, auf einen malerischen Hügel oberhalb der Ranch, hockte mich dorthin, nachdem ich mit dem Stock fest am Boden klopfte um nicht mit einer Klapperschlange den Sitz zu teilen und betrachtet zum ersten Mal in aller Ruhe die Ranch als Ganzes und diese unendliche Weite der Landschaft.


Irgendwie überkam mich nun ein echt stolzes Gefühl, hier zu sein. Es ging ganz tief nach Innen - Wahnsinn so ein weiter Blick, der die Seele öffnet und diese absolute Stille, die dir mehr sagt als du ahnst. Ich musste wieder rauf in den Sattel. Ich erinnerte mich an so manche doch auch erfahrene Westerreiter zu Hause, auch wenn's weh tut, setzt dich wieder rauf, mach keine allzu lange Pause, es wird besser .....! Und ich sage Euch, es wurde besser ab dem vierten Tag. Und das pure Reit- und Cowboy-Vergnügen kam auf.


Da oben am Berg vor dieser unheimlichen Weite des Landes und dem Kreischen einiger Adler in der Nähe kommt man sich ganz schön klein vor. Vor allem der lange Weg bis zu dieser Stelle.
Von Österreich aus gesehen erst mit dem Auto nach München, dann mit dem Flieger über Amsterdam - Minneapolis nach Billings, Montana.


Also ich dort am Flughafen stand, am zweiten Tag in Billings (Sonntag), war mein erster Gedanken nur: "Jetzt bin ich zum ersten Mal in Amerika, steh am Flughafen, warte auf einen Rancher und hab' total vergessen zu fragen, wie wir uns erkennen sollten."

Verdammt, hier haben alle Cowboyhüte und alle fahren riesen-Chevys und ähnliche 450 PS Vehikel mit Allradantrieb! Außerdem wartete ich schon 15 Minuten über der ausgemachten Zeit. Ein riesiger schwarzer Chevy mit mehr rotem trockenen Lehm an den Rädern und an den Türen als Blech am Auto kam mit einem schwarzem Trailer die Auffahrt zum Flughafen hoch. Ich dachte nur - cooles Gefährt. Dahinter gleich dasselbe Monstrum in weiß, nur nicht ganz so voll Lehm. Am Nummerschild stand: "Shively"! Er blieb direkt vor mir stehen, ich stellte mich vor und wurde von Joe und seiner Frau Iris total herzlich empfangen.

Wir klaubten noch die übrigen Gäste am Flughafen um am nahen Motel zusammen und gegen später am Nachmittag ging's los - ab zur Ranch. Nur wusste ich damals noch nicht, wie lange das noch dauern würde.

Zuerst raus aus Billings, gerade auf endlos langen geraden Highways Richtung Süden nach Wyoming. Nach ca. 100 Meilen retour Richtung Norden, wieder nach Montana. Im letzten Städtchen wird getankt und Rast gemacht, fahren wir doch schon gut zwei Stunden.

Nun ging's weg von der Zivilisation, das Handy funktionierte schon seit Billings nicht mehr. Wir bogen links weg, Richtung Crow Indian Reservation, auf dem die Ranch liegt. Vorbei bei einem Naturschutzgebiet, wo die letzten echten Mustangs der Gegend noch zu Hause sind. Auf einem Aussichtpunkt bleiben wir noch mal stehen und Joe zeigt uns den angeblich zweittiefsten Canyon in den Staaten. Wahnsinn, unheimlich beeindruckend!


Kurz danach fängt die Schotterpiste an, mittlerweile ist es stockdunkel draußen, man sieht nur im Scheinwerferlicht, dass der Weg alles abverlangt vom Auto, und manchmal durchqueren wir einen "Mini Canyon" im Schritt-Tempo. Es sind wohl an die vier bis fünf Tore, die wir immer wieder auf und zu machen müssen, bis Joe sagt: "This is now Schively land.". Gott sei Dank, da haben wir nicht mehr weit - jeder atmete durch. Aber die Ranch kam nicht, noch lange nicht - erst nach einer weiteren Dreiviertelstunde Fahrzeit endlich ein paar Lichter in einem grünen Canyon. Man sieht ein paar Häuser in der Dunkelheit. Der Rest der Leute von der Ranch begrüßt uns und das Essen wartet schon.

Doch noch immer gut gelaunt nach diesem für uns Nichtsahnenden Höllentrip beziehen wir die Zimmer. Auweia - ab 1,80m kann ja keiner darin aufrecht stehen. Naja, was soll's - echt rustikal. Aber nach ein paar Tagen wusste ich, jede andere Art von Zimmer würde nicht so ganz passen zu dieser Art von Urlaub. Nur eins wäre schon besser gewesen, diese Betten brechen dir fast das Kreuz. Aber egal wir waren da!!


Nach dem Essen gab's noch einige Einweisungen in den Hausbrauch und in das Verhalten mit den Pferden in dieser endlos großen Landschaft! Nie raus ohne Wasserflasche, Sonnencreme und Cowboyhut - das waren wohl die wichtigsten Dinge in den nächsten 14 Tagen.


Es würde wohl ein Buch füllen alle 14 Tage zu beschreiben, also nehm' ich einen Tag der mir sehr in Erinnerung bleibt und erzähl Euch den:

Es war wohl gegen Ende der ersten Woche. Irgendwie war schon alles sehr vertraut hier und es gefiel mir immer mehr. Normalerweise gibt gegen 7 Uhr / 7.30 Uhr Frühstück im gemeinsamen Kitchen House, das übrigens echt einfach aber gemütlich ist. Essen war immer für alle zusammen, auch der Chef Joe war immer anwesend.

Am Vorabend beschloss ich jedoch mit Jay, dem jüngeren Cowboy auf Schively, wie es eben so üblich war, die Pferde von dem Gebiet gleich hinter der Ranch zu holen. Das alles passierte jeden Tag vor dem Frühstück.

Also trafen wir uns um 6 Uhr bei den beiden Pferden, die übernacht nicht mit raus kamen auf die Weide, eben um den Rest der großen Herde zu holen. Es war ein unheimlich klarer und wie immer etwas kühler Morgen. Die Sonne kam langsam hinter den Bergen hervor und es herrschte noch die totale Stille. Alle bis auf den Koch schliefen noch oder waren gerade im Munter werden.

Jack und ich putzen und sattelten die Pferde ohne viel zu Reden. Es ging alles wie von selbst, ein unheimliches Glücksgefühl überkam mich. Wir saßen auf und trotteten langsam die staubige Straße entlang, die die Ranch teilt, bis zu einem Tor oberhalb des Anwesens. Dann ein paar Hufschläge steil bergauf und wow........die Sonne schien glutrot auf die großen Weiden, die den Tal-Ausgang hinter der Ranch bildeten. Es war schöner als in jedem Hollywoodfilm.

Die ersten Pferde kamen uns schon entgegen. Ich hatte noch nie solch einen fantastischen Anblick gesehen. Die ersten 30 bis 40 Quarter Horses trabten bei uns vorbei, Richtung offenes Tor. Schließlich wussten sie ja, was passiert. Jack und ich teilten uns ab der Mitte des kleinen Tales auf. Der eine links der andere rechts vom Tal um die übrigen Pferde zusammen zu treiben und zur Ranch zu bringen. Als wir retour kamen, warteten schon die anderen Gäste und halfen uns die gut 60 Pferde in den Corral zu treiben. Es war das totale Erlebnis - unbeschreiblich. Nach getaner Arbeit ging's ab zu Frühstück.


Danach, ca. 9 Uhr, ist Treffen bei den Pferden, mit voller Montur und Zaumzeug. Jack, der Main Cowboy und Jay holen nach alter Tradition mit dem Lasso für jeden von uns das geeignete Pferd aus dem riesen-Knäuel aus Köpfen und Hälsen. Die können Lasso werfen.......Danach geht's ab zum putzen, satteln und los.

Mittlerweile hat auch die Sonne mehr an Kraft und es ist wie jeden Tag ein wunderschöner Anblick die ersten Meter die Ranch hinter sich zu lassen. Es gibt Gott sei Dank kein Kopf an Schweif reiten, jeder sucht sich seinen Platz, davon ist ja mehr als genug vorhanden. Bei jeden Tor, das wir passieren wird zusammen gewartet bzw. bei jeder doch etwas heikleren Stelle.

So geht's die ersten zwei Stunde Richtung Norden über ein paar Hügel und Täler Richtung einem großen Tal. In dem sollten wir die Schively Rinder von denen der Nachbarfarm trennen und die "fremden" wieder nach Haus auf Ihre Weide bringen. Außerdem durchzählen und schauen ob alles ok ist und welche fehlen.

Am Anfang des Tales gibt kurz Anweisungen von Jack. Wir teilen uns in drei bis vier Gruppen, um die weitverstreuten Rinder am Tal-Ausgang zusammen zu treiben, und dort wird dann ein Kreis von uns gebildet und die beiden Cowboy trennen und zählen dann mitten in dem schwarzen Haufen von Bullen, Kühen mit Kälbern jedes Rind.

Ok, wir starten zur linken Seite des Tales - aubacke, was niemand von uns Greenhorns wusste, dort ist auch ein Bach mit Dornen. Und als ob das die Rinder wüssten, genau da drinnen stehen sie, massenweise. Jetzt weiß ich auch, für was Chaps gut sind - die ersten Dornen pieken mich in die Unterschenkel, Zähne zusammen und durch.

J.D. mein weißer Freund mit schwarzem Fleck über den Nüstern folgt auf jedes noch so kleine Kommando. In diesem Gewirr von Bach, Bäumen, Gestrüpp und Kühen treibt er mit mir souverän die Kühe genau in die richtige Richtung. Es ist fantastisch, manchmal denk ich wissen die Pferde genau, wann die Arbeit beginnt. Die Ohren steil bergauf, die Bewegungen blitzschnell und raus haben wir den Haufen von gut 20 "Heads".

Ich seh' mich kurz um ob alle Kühe da sind und - wow, es kommt ein unheimliches Glückgefühl auf. Da spürst du nichts mehr an Dornen oder anderen Dingen. Nur äußerste Zufriedenheit und wieder halt ein "wow" zu den Rindern. Langsam treibe ich die kleine Herde vor mich her, von der Seite kommt Kyle und hilft mir alle zusammen zu halten. So strömen alle von verschiedenen Seiten zum Sammelpunkt.

Ein lautes Muuhh und Wow von allen Seiten des Tales. Schließlich haben wir gut 90 Head zusammen. Die Nachbarkühe werden nun von Jack und Jay aussortiert und wir treiben die paar über die Ranchgrenze, zu das Tor, fertig, Mittagspause.

Genüsslich mampfen wir an unseren mitgebrachten Sandwiches am Bach, lassen unsere braven vierbeinigen Freunde im Schatten unter den Bäumen ruhen.

Am Nachmittag geht's retour in einem großen Rechtsbogen rund um den Berg, der uns von zu Hause trennt. Wir suchen nach Kühen und Kälbern, die sich verlaufen haben, bzw. ob noch Nachbarskühe herum irren. Tatsächlich finden wir ein paar, treiben sie den Weg mit uns bis zum nächsten Tor und entlassen sie auf ihre eigenen Weiden.

Es ist wohl so gegen 15 - 16 Uhr als wir uns wieder am Heimweg befinden. Die letzten 1,5 Stunden nach Hause, über wundervolle Bergrücken und glutrote Lehm-Täler. Man könnte meinen, hier haben sie wohl alle Westernfilme gedreht. Es ist wie im Märchen. Manchmal bleiben wir stehen und Jack erklärt uns die Gegend und die Geschichten von Schively, den Crow Indianern und was Ihm schon so alles widerfahren ist.

Langsam aber sicher kommen wir wieder zur Ranch, in mir immer dasselbe Gefühl. Beim öffnen des Gatters und sobald du da bist, ein irres Gefühl des Glücks und wieder eine Tag erlebt zu haben den du nie vergisst.

Nach dem absatteln gehen wir mit unseren Kumpels zum Bach. J.D. sauft gemächlich und ich seh' Ihm dabei zu und genieße jede Sekunde. Danach entlasse ich ihn zu seiner wohlverdienten Ruhe in das kleine Tal hinter der Ranch. Er kann es kaum erwarten und galoppiert davon......

Abendessen. Alles zusammen sitzen bei den Tischen. Wie immer haben der Koch und seine Frau, die auch auf Schively leben, ein vorzügliches Mal bereitet. Natürlich laufen die Geschichten und Erlebnisse des Tages. Am Abend sitzen wir gemütlich zusammen, die Sonne ist mittlerweile untergegangen und ich hör nun schon den dritten Tag lang die Geschichte, als mich an meinen Pausentag ein Schwarzbär mittags aus dem Schlaf auf der Veranda vor dem Kitchen House riss..... alle brüllen vor Lachen, nur ich denke mir: "Wenn mich der gefressen hätte......!!!!!"

Aber eins weiß ich, so was mach ich sicher noch öfter in meinem Leben. Ist es doch so wohltuend und umwerfend gewesen, auch für die Seele.

Wolfgang Schatzl, 2004











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